„Häng dein Herz nicht an Dinge!“ Das „H-Team“ hilft Menschen mit dem „Messie-Syn (Allgemein)

Eva, Samstag, 28.03.2009, 08:26 (vor 6134 Tagen)

„Häng dein Herz nicht an Dinge!“
Das „H-Team“ hilft Menschen mit dem „Messie-Syndrom“
Der Herd ist verdreckt, die Spüle vermüllt: "Messies" fällt es schwer, sich von Dingen zu trennen. (H-Team)

München · Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Wohnung ordentlich zu halten und die alltäglichen Aufgaben zu organisieren werden als „Messies“ bezeichnet. Kennzeichnend für das „Messie-Syndrom“ ist ein Hang zum Sammeln bzw. Horten von Dingen, die andere Menschen meist als wertlos ansehen und wegwerfen würden. Die Betroffenen können oft nicht den wahren Wert dieser Gegenstände einschätzen und zwischen wichtig und unwichtig, brauchbar und unbrauchbar unterscheiden. Diese „Sammelwut“ führt mitunter dazu, dass in der Wohnung nur noch enge Wege bleiben und die übrige Fläche vor lauter Haufen, Kisten oder Säcken nicht mehr betretbar ist. Dies sind allerdings Extremfälle. Nicht jeder „Messie“ entspricht dem verbreiteten Bild eines oft arbeitslosen, ungepflegten Menschen, der in einer vermüllten Wohnung lebt. Viele Betroffene sind äußerlich unauffällig.

Das „Hilfs-Team“ (kurz: H-Team) mit Sitz in München-Sendling betreut seit 18 Jahren unter anderem „Messies“. Im Interview mit dem SamstagsBlatt sprechen die Geschäftsführer Peter Peschel und Wedigo von Wedel über das Angebot des Vereins, die Arbeit mit „Messies“ und die Auswirkungen ihres Berufes auf ihr Privatleben.

Peter Peschel (l.) und Wedigo von Wedel vom "H-Team" helfen "Messies", ihre Wohnung aufzuräumen und zurück in den Alltag zu finden. (ls)
SamstagsBlatt: Sie sind Gründungsmitglied des „H-Teams“. Wie kam es dazu?

Peter Peschel: Bevor ich die Gründung des H-Teams initiiert habe, habe ich bei der Organisation „Sprungbrett“ gearbeitet. In einer Abteilung wurden auch Leute versorgt, die unter dem „Vermüllungssyndrom“ leiden. Diese Arbeit haben hauptsächlich Zivildienstleistende, also Laienkräfte, gemacht und man ist zu dem Schluss gekommen, dass die Arbeit so nicht mehr weiter praktiziert werden kann. Ich habe aber gesehen, dass es in dieser Richtung Bedarf gibt und fand es wichtig, dass diese Leute weiter versorgt werden.
Gleichzeitig habe ich bei dieser Organisation auch miterlebt, dass Anwälte Vormundschaften und Pflegschaften durchgeführt haben, die das hauptsächlich nur vom Schreibtisch aus machen konnten. Da habe ich mir gedacht: Da muss sich etwas ändern. So ist die Idee entstanden, zum einen ambulante Dienste, zum anderen etwas in Richtung vormundschaftliche Betreuung zu machen.

Wie hat sich der Verein bis heute weiterentwickelt?

Peschel: Wir haben gemerkt, dass es viel Bedarf gibt. Deshalb ist der Verein was die Anfragen und Mitarbeiter betrifft entsprechend gewachsen. 1995 ist das Pflegeversicherungsgesetz ins Spiel gekommen und die Anforderungen sind gestiegen. Wir mussten den Pflegedienst anders strukturieren und uns anpassen.

Wedigo von Wedel: 2003 kam das betreute Einzelwohnen hinzu. Etwa zur gleichen Zeit haben wir auch zwischen den Pflegebedürftigen differenziert und denen, die wir regelmäßig ambulant versorgen. Das wurde zu diesem Zeitpunkt in getrennte Fachrichtungen aufgeteilt.

Peschel: 2005 ist die Abteilung „Hauswirtschaftliche Hilfen“ dazu gekommen. Insgesamt sind wir als Betreuungsverein tätig, als Pflegedienst und ambulante Wohnungshilfe kombiniert mit einer Nachbetreuungsabteilung. Zusätzlich bieten wir betreutes Einzelwohnen für psychisch Kranke und hauswirtschaftliche Hilfen. Das ist das Spektrum, das wir abdecken.

50 Mitarbeiter, 300 Klienten
Wie viele Mitarbeiter hat das H-Team?

Peschel: Im Moment sind wir ca. 50 Leute.

Wie viele Klienten gibt es?

Peschel: Das wechselt natürlich. Im Moment sind es in allen Abteilungen etwa 300.

Ist jeder Klient einem speziellen Mitarbeiter zugeordnet?

Peschel: Das kommt auf die Leistung an, jede Abteilung funktioniert anders. Im Betreuungsverein z.B. ist ganz klar ein Mitarbeiter für einen Betreuten bestellt. Da gibt es allein schon rechtlich eine eindeutige Zuordnung. In der Pflege, der Nachbetreuungsabteilung, bei den hauswirtschaftlichen Hilfen und beim betreuten Einzelwohnen versuchen wir auch, immer die selbe Person zu den Klienten zu schicken. In der ambulanten Wohnungshilfe ist einer bestimmten Person jeweils ein Aktionsleiter zugeordnet. Um diesen herum bildet sich dann ein Team, das immer mal wieder wechselt.

Wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?

Peschel: Ich habe nach der Schule Zivildienst gemacht und dabei im ambulanten Hilfsdienst für Behinderte gearbeitet. So bin ich in den Sozialbereich hinein gekommen. Bei diesem Hilfsdienst habe ich die Organisation „Sprungbrett“ mit aufgebaut und war dort bis 1990 tätig. Parallel dazu habe ich 1984 ein Studium der Pädagogik, Psychologie und Theologie angefangen, das ich 1992 abgeschlossen habe. Seit 1990 arbeite ich beim H-Team.
Im Moment habe ich hier drei Schwerpunkte: Ich bin Teil der Geschäftsführung und kümmere mich schwerpunktmäßig um die Pflege- und die Hauswirtschaftsabteilung. (Wedigo von Wedel ist für die ambulante Wohnungshilfe und Nachbetreuung zuständig, die dritte Geschäftsführerin Maria Beer für den Betreuungsverein und das betreute Einzelwohnen.) Außerdem führe ich als Vereinsbetreuer ca. 20 Betreuungen. Der dritte Bereich, der jetzt dazugekommen ist, ist der des Spendenwesens. Mittlerweile haben sich die Rahmenbedingungen ziemlich geändert, die städtischen Träger ziehen sich zurück. Es sind im Prinzip nur noch unsere Grundleistungen finanziert, z.B. bekommen wir als Pflegedienst von der Pflege- bzw. Krankenkasse gewisse Finanzierungen. Aber alles, was darüber hinaus geht - beispielsweise unser Pflegeauto - ist nicht mehr finanziert.

Von Wedel: Ich bin als studentischer Helfer relativ zu Beginn zum H-Team gekommen. Allerdings war da mein beruflicher Werdegang eigentlich vorgezeichnet: Ich bin studierter Grundschullehrer, habe den Beruf auch ausgeübt. Aber aufgrund verschiedener Dinge – Versetzung ins Beamtentum, mein Lebensmittelpunkt war und ist München und Umgebung – habe ich von der Kinder- zur Erwachsenenarbeit gewechselt und bin seit 1995 fest im H-Team angestellt. Um das Studium finanzieren zu können habe ich außerdem als Industriearbeiter gearbeitet.

"Erstmal einfühlen"
Sie arbeiten vor allem mit „Messies“. Wie waren Ihre ersten Einsätze? Mussten Sie sich erstmal einfinden und ein Gefühl dafür bekommen, wie man mit diesen Menschen umgeht?

Von Wedel: Auf jeden Fall! Jeder, der damit das erste Mal konfrontiert wird, muss sich da erstmal einfühlen und einfinden. Das war aber auch das Spannende und die Herausforderung, da offen rein zu gehen und nicht sofort irgendwelche Lösungen oder Wege zu wissen, sondern diese gemeinsam im Team, aber auch mit Einbeziehung der betroffenen Person zu finden.
Wir haben schon zu einem Zeitpunkt mit „Messies“ gearbeitet wo es diesen Begriff noch gar nicht gegeben hat, auch im englischsprachigen Raum nicht. Das ist damals erst entstanden und hat einige Jahre gedauert bis es hier ankam. Wir haben uns im H-Team sehr viel selbst erarbeiten müssen. „Aufsuchende Hilfe bei Menschen mit Wohnproblemen“, das wird nirgendwo gelehrt. Auch die Kombination von Fachlichkeit und praktischem Tun war damals noch sehr ungewöhnlich. Das Messie-Phänomen ist nach wie vor eine Herausforderung für jeden, der im sozialen Bereich arbeiten will.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Menschen, die sie betreuen?

Von Wedel: Das A und O ist, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Das ist eine echte Herausforderung, die sich aber menschlich wie auch zielführend lohnt. Außerdem ist wichtig, Kooperationsbereitschaft und darüber hinaus Kooperationsfähigkeit zu entwickeln. Das ist bei diesen Menschen eine Herausforderung, weil sie oft sehr isoliert sind und über Jahre keine sozialen Kontakte mehr gepflegt haben. Entsprechend scheu und verängstigt sind sie.

Wie sieht die Hilfe genau aus?

Von Wedel: Wir bieten den Betroffenen unsere Arbeit und Erfahrung an, Entscheidungen müssen sie jedoch selbst fällen. Langsam und in kleinen Schritten wird sortiert und entschieden, was weg kommt. Zunächst strukturieren wir gemeinsam bestimmte Bereiche um, dann Räume bis hin zur ganzen Wohnung. Wir arbeiten zunächst an „leichten“ Dingen wie Werbung, später kommen Sachen, an denen das Herz hängt oder ein Plan. Während wir arbeiten, besprechen wir auch, welche Energie in die Gegenstände fließt, welche Gründe vorherrschen, an so vielen Sachen festhalten zu wollen und vieles mehr. Wichtig ist unserer Erfahrung nach, nicht nur zu reden und dann arbeiten zu wollen, sondern Reden und Tun miteinander zu verbinden. Das hilft den Betroffenen und führt praktisch zu Fortschritten.

Wie lange arbeiten Sie mit Ihren Klienten?

Von Wedel: Wir müssen zwischen den beiden Abteilungen unterscheiden. Die Ambulante Wohnungshilfe hat vor allem das Ziel, dass eine Kündigung vermieden wird und der Klient in der Wohnung bleiben kann. Oder dass eine Räumungsklage aufgehoben wird bzw. der Vermieter keinen Gebrauch davon macht. Das ist das erste Ziel. Wenn das erreicht ist, geht es weiter mit einer regelmäßigen Versorgung. Dabei arbeiteten wir mit den Menschen daran, dass sie den Zustand beibehalten und langfristig selbstständig ihre Wohnung halten können. Das heißt üben, üben, üben. Wie lange das dauert, ist individuell. Wir haben Klienten bei denen die erste Phase innerhalb von 14 Tagen abgeschlossen ist, es gibt aber auch welche, bei denen wir drei Monate brauchen. Das ist von sehr vielen Faktoren abhängig. Die Nachsorge, also die „Trainingsmaßnahme“, variiert ebenso. Manchmal reicht ein halbes Jahr, in manchen Fällen sind wir schon seit drei, vier Jahren tätig und müssen das wohl auch bleiben. Das sind allerdings seltene Ausnahmen.

Wie viele Messies haben Sie schon betreut?

Von Wedel: Schwer zu sagen. Wenn man von 50 bis 100 Klienten pro Jahr ausgeht, vielleicht 1000 plus x.

"Eure Geduld ist ätzend"
Wirkt sich Ihre Arbeit auf Ihr Privatleben aus?

Von Wedel: Das kann die Familie wahrscheinlich besser beantworten... Ich selbst fühle mich nicht wirklich betroffen. Es ist nicht so, dass ich zu Hause gar nichts um mich haben will. Ein Sammler in dem Sinne war ich jedoch nie. Ich habe schon frühzeitig sehr preußisch gelernt: „Häng dein Herz nicht an Dinge!“
Wobei ich allerdings merke, dass die Arbeit, die Berufserfahrung ins Private wirkt, ist beim Ausmisten. Sobald ich mich frage „Brauche ich das oder brauche ich das nicht?“, ist die Entscheidung schon gefallen: Ich brauch’s nicht!

Wer wendet sich an das H-Team?

Von Wedel: Früher waren es fast nie die Betroffenen selbst, mittlerweile schon häufiger. Das ist für uns sehr schön festzustellen. Nach wie vor ist es aber so, dass der Großteil der Anfragen, ich würde mal sagen etwa 90 Prozent, von städtischen Einrichtungen, gesetzlichen Vertretern, die eine Betreuung übernommen haben, Krankenhaussozialdiensten und sozialpsychiatrischen Diensten kommt.

Gibt es eine einprägsame Geschichte oder Anekdote, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Von Wedel: Im Rahmen der Arbeit? Da reicht die Kassette nicht, das sind so viele… Eine vielleicht, die zitiere ich auch gerne in Vorträgen oder Fortbildungen: Eine Klientin kam, als wir uns nach dem ersten Projekt verabschiedet haben, mit einem lachenden Gesicht zu uns und sagte: „Ihr seid ganz in Ordnung, aber eines ist wirklich ätzend: eure Geduld.“ Das fand ich eine ausgesprochen nette, tolle Anerkennung.

Welche Tipps können sie Menschen geben, die einen „Messie“ in ihrer Verwandtschaft / in ihrem Bekanntenkreis haben und helfen wollen?

Von Wedel: Freunde und Angehörige sollten sich aus der praktischen Hilfe lieber heraushalten, da es fast unweigerlich zu Konflikten kommt. Die wichtigsten Gründe dafür sind Unverständnis und mangelnde Geduld. Die Beziehung ist zu wertvoll, als dass sie damit belastet oder gar gefährdet werden sollte. Bei „Messies“ gibt es einen Sog in die Isolation, in Ausweichverhalten, Schwindelei usw. Das kann eine freundschaftliche Beziehung ernsthaft gefährden und der Isolation der Betroffenen Vorschub leisten. Ich rate, offen zu reden, bei der Suche nach Hilfe zu helfen und das Praktische mangels Verständnis ganz bewusst nicht anzugehen. Angehörige und Freunde sollten sich selbst beraten lassen, bevor sie aktiv werden.

Weitere Informationen zum „H-Team“ gibt es unter Tel. 7473620 sowie im Internet: www.h-team-ev.de. Mehr zum „Messie-Syndrom“ unter www.messie-syndrom.de.

LS Samstagsblatt, Woche 33 – 2008
<ul><li>http://www.wochenanzeiger-muenchen.de/nachrichten/aktuelles/H-Team-Messie-Syndrom-Messies_3067.html</ul>

powered by my little forum