Das Opferspiel - wir haben die Wahl (Allgemein)

Odille, Freitag, 19.06.2009, 19:13 (vor 6050 Tagen)

Hallo,

ich möchte hier etwas aus einem Buch zitieren, mit dem ich die letzte Zeit zugange bin.
Folgendes Kapitel hat mich sehr beeindruckt, weil es auf vieles passt, was ich selbst zum Thema Opferverhalten praktiziert
und bei anderen erlebt habe. Und genau auf die hier beschriebene Art und Weise bin ich grosse Schritte
auf meinem Weg zur seelischen Gesundung gegangen:

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Alter Schuh: Opfer spielen
(Das Buch heisst ja "raus aus den alten Schuhen" - Anmerkung von Odille - Quellenangabe und Website des Autors siehe unten
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<font face="Times new roman">
Viele Menschen fühlen sich als Opfer von irgendjemanden oder irgendetwas, ganz besonders viele empfinden sich als Opfer ihrer Eltern.
Weil ihre Eltern viele Fehler gemacht haben - davon sind sie überzeugt - hätten sie Nachteile in Kauf nehmen müssen. Wären ihre eltern anders
oder besser gewesen oder hätten sie andere eltern gehabt, dann ginge es ihnen heute besser, denkt "es" in ihnen. Wieder andere fühlen sich
als Opfer schlechter Lehrer, als Opfer autoritärer, ungerechter Chefs oder als Opfer ihrer Partner. Wenn er oder sie nicht so (gewesen) wäre,
dann, ja dann wäre es ihnen besser gegangen. Ja, nicht wenige Eltern fühlen sich sogar als Opfer ihrer schwierigen anstrengenden Kinder.

Menschen geben meist irgendjeamdem die Schuld für die eigene Unzufriedenheit. Und wenn keiner hierfür zu finden ist, dann muss das Leben
selbst dafür herhalten. Dann tauchen Gedanken auf wie "Das Leben ist ungerecht". Der (fragwürdige) Vorteil dieses Verhaltens.
Ich brauche mir über eine Lösung weiter keine Gedanken zu machen. Ich brauch mich weder innerlich noch äußerlich zu bewegen.
Ich beschließe, weiter zu leiden, da ja die anderen die Schuld haben. Ich kann genaus weitermachen wie bisher, weil ich ja an meinem
Zustand selbst nichts ändern kann.

Der Nachteil dieses Verhaltens: Ich kann tatsächlich nichts an meinem Leben ändern, wenn ich solchen Gedanken weiterhin zustimme.
Ich gebe hierdurch meine Macht ab, ich treffe als Opfer mit solchen Gedanken eine Wahl:ICH WÄHLE OHNMACHT!
Ich wähle, mich auch weiterhin anderen Kräften, Menschen und dem Schicksal ohnmächtig ausgeliefert zu fühlen.
Denn wenn andere schuld an meinem Schicksal sind, dann müssen sie auch Macht über mich besitzen.

Verdeutlichen wir uns diese Gedankenkette noch einmal. Ich sage "Du bist schuld daran, dass ich nicht glücklich bin,
dass es mir schlecht geht!" Dadurch wähle ich selbst, mich auch in Zukunft ohnmächtig und hilflos zu fühlen.
Dadurch kann ich an meinem Leben nichts ändern, alles bleibt beim Alten.

Frage Dich: Wem gebe ich die Schuld am Zustand meines Lebens, an meiner Unzufriedenheit, an meinen Enttäuschungen usw.?
Formuliere diese bisher nur gedachten Gedanken und sprich sie laut aus oder schreibe sie nieder:
"Meine Mutter ist schuld daran, dass ich ....Mein Vater ist schuld daran, dass ich ....Mein Expartner ist schuld daran, dass ich...
Mein Partner ist schuld daran, dass ich...Mein Kind ist schuld daran, dass ich...Ich fühle mich als Opfer meiner Eltern,
meines Expartners, meines Partners, meines Kindes, des ungerechten Lebens..."

UND FRAGE DICH SCHLIESSLICH: WIE LANGE WILL ICH DIESES SPIEL NOCH SPIELEN? BIN ICH BEREIT, DIESES SPIEL JETZT ZU BEENDEN?

Dieses Gedankenspiel von Schuld und Opfer ist den meisten nicht einmal bewusst. Ich habe Menschen getroffen, die sagten.
"Der da ist ein Idiot". Und ich fragte. "Merkst Du, wie Du diesen Menschen gerade verurteilst und Dich zu seinem Opfer machst?"
Darauf der andere "Nein, ich verurteile ihn gar nicht, aber ein Idiot ist er trotzdem! Und ein Opfer von ihm bin ich schon gar nicht!"

Darum lass uns dieses Opferspiel an weiteren Beispielen noch deutlicher machen. Eine verheiratete Frau klagt im Seminar:
"Ich halte das nicht aus, wenn mein Mann immer wieder launisch ist. " Und ihr Kopf denkt: "Wäre mein Mann nicht so launisch,
ginge es mir besser!" Genauso argumentieren andere Frauen "Wäre meine Tochter ordentlicher, ginge es mir besser.
Würde mein Sohn kein Rauschgift nehmen, ginge es mir besser. " Und Männer denken z.B. "Würde mein Chef wirklich sehen,
was ich alles leiste, ginge es mir besser. Würde meine Frau nicht so viel an mir herummeckern, ginge es mir besser".
Der Verstand dieser Frauen und Männerverurteilt also vordergründig die anderen wegen ihres Verhaltens und sagt:
"Eigentlich müssten sie sich anders verhalten. Ich will nicht, dass sie so sind!"

Sie sagen also Nein zu dem, was ist. Gleichzeitig veurteilt aber jeder von ihnen durch sein Denken auch sich selbst,
und macht sich zum Opfer von Frau, Mann, Chef oder Kindern.

Wird diesens Denken "Ich leide, weil der so und so ist" nicht hinterfragt, muss sich der Denkende zwangsläufig immer
wieder schlecht fühlen. Ja, er muss immer weitere Täter in seinem Umfeld entdecken, die seine Lebensqualität einschränken
und verhindern, dass es ihm gut geht und er einglückliches Leben führt. Mit unserem verurteildnden Verstand machen wir uns
zum Opfer unzähliger Menschen: von Dränglern auf der Autobahn, streikenden Lokführern, auf den deutschen Markt
drängenden Ausländern aus dem Osten und zu viel verdienenden Managern. Wir fühlen uns als Opfer von Rauchern,
untreuen Ehepartner, faulen Kindern, verständnislosen Lehrern, von Politessen usw.

Bitte mache Dir in einer stillen Stunde einmal eine Zusammenstellung (am bsten mit Stift und Papier) der Menschen oder Zustände,
über die Du Dich hin und wieder oder oft ärgerst. Und mach Dir dann an jedem Beispiel klar, dass Du
in Deinem Leben immer den adnren Menschen oder ein Ereignis zum Täter erklärt und Dich selbst zum Opfer.
Wer mit solch einem Opferbewusstsein durch Leben geht, kann nicht glücklich sein. Denn erprodziert in seinem Körper Druck,
Spannung, Enge und Schwere oder negative Emotionen wie Ärger, Wut, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Trauer und Depression.

</font>[/i]

<small>Quelle: Raus aus den alten Schuhen - Dem Leben eine neue Richtung geben

Autor: Robert Betz

</font>

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Was haltet Ihr davon? Was wählt Ihr für Eurer Leben?

Lieben Gruss, Odille [image]

ps: was zum Thema passt ist auch von Katie Byron: The Work

Re: Das Opferspiel - wir haben die Wahl

muecke, Samstag, 20.06.2009, 09:01 (vor 6050 Tagen) @ Odille

Hallo Odille,

ich bemerke dieses Verhalten sehr oft an mir.

Ich glaube für mich ist es viel einfacher die Verantwortung abzugeben.

Dass ich letztendlich für mein Leben selbst verantwortlich bin, und kein anderer mein Leben leben kann ist mir von Kopf her natürlich klar.

Aber ich scheue davor zurück die ganze Verantwortung zu übernehmen. Es ist als Opfer halt ein bequemeres Leben.

Wie ein Tier, das nicht aus dem offenen Käfig flieht, weil es Angst vor der Freiheit hat.

Der Text gibt mir viel zu Denken.

Danke fürs mit-teilen

LG muecke

Re: Das Opferspiel - wir haben die Wahl

MaZe, Samstag, 20.06.2009, 16:29 (vor 6049 Tagen) @ Odille

Hu!

Beeindruckende Beschreibungen sind das
Das Thema begleitet mich schon sehr lange, bin dabei meine Opferrolle aufzulösen.

Ja richtig knabberig wirds bei manchen Menschen um mich, die an irgendetwas IN SICH leiden,
und mitunter MIR die Schuld dafür geben!

Das spiel ich nun wirklich nicht mehr mit,
das ist ein untragbarer Zustand.

Ich versuche in solchen Klage-Situationen stets, die Verhältnisse zu klären und aufzudecken, zu hinterfragen.
Mein Ziel dabei ist, dass alle Beteiligten etwas über sich selbst hinzulernen (also auch ich!).
Oft kommt es schnell zu gewissen Grenzen, wo die Einsicht in psychische Hintergründe noch reifen muss.

Auch ich neige sehr oft dazu, anderen Menschen oder dem 'System' oder der Natur irgendwelche Schuld an Leid zuzuweisen.
Wie der Autor schreibt, gesteht man dadurch dem Anderen tatsächlich Macht zu.

(Ganz abwegig ist das nicht:
Ich könnte mich z.B. beim Volk der Zecken beschweren, dass sie mich in Wald und Wiese überfallen und beissen!
Der Nutzen ist natürlich gleich null [image]
Es bleibt mir in dem Fall nix über, als mich zu schützen, und was das psychische belangt, einfach zu akzeptieren, dass Insekten usw. Teil dieser Welt sind, und Ihnen zu 'vergeben', dass sie manchmal unfreiwillig irgendwelches Zeug übertragen.
Sorry - bischen vom Thema abgeschwiffen...)

Hmmm.. indem ich andern Wesen oder Systemen die Macht abtrete bin ich ohnmächtig?!
Is wohl was dran... klar beeinflusst sich alles gegenseitigein jedes (bewusstes) Lebe-Wesen ist ein Tropfen im grossen Lebe-Meer
Meine Empfindungs-Qualität ist quasi ein Farbspektrum, ein Farbpigment im Gemälde des Lebens.
Hmmmmm sehr abstrakt - anders gedacht:
Indem ich statt Schuldzuweisungsspielen nur noch Vergebung praktiziere, bleibt sowas wie Freiheit übrig, oder?!

[image][image][image][image][image]

Also ich werd mir den Text noch einige Male zu Gemüte führen,
bis ich's irgendwann geschnackelt hab.

Das Opferspiel existiert nun mal, man muss es aber nicht mitspielen!
Was ich ändern kann, ist meine Einstellung zur Welt und zu mir selbst.
Ich glaube an Heilung und Lösung mittels Bewusstsein/-werdung.

[image]

Nachdenkliche Grüße,
MaZe
Und Danke für's Posten!

allein in der Tat ist die Freiheit (war: Das Opferspiel von Robert Betz)

Schlumpfine, Samstag, 04.07.2009, 12:13 (vor 6035 Tagen) @ Odille

Liebe Odille, liebe MMs, was halte ich von Robert Betz und seinen Texten? Wenig
Und was halte ich ganz speziell von diesem Text über das Opfer-Spiel? Sehr wenig!!!

Darin ist mir zuviel esoterisch-verquastes "Mein Wille geschehe!" Und zu wenig Demut, Dankbarkeit und Lebensfreude
Obwohl ich ein großer Fan von Byron Katie bin
Dass der Text von RB dich berührt hat, spüre ich sehr deutlich, lieeb Odille. Danke, dass du ihn hier eingestellt hast. Betz hat in der Tat (wie die meisten erfolgreichen Demagogen) die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge auf scheinbar einfache Weise darzustellen. Viele Menschen, die ich kenne, sind von ihm fasziniert. So wie von Bärbel Mohr und Rhonda Byrne und anderen esoterischen "Lehrern". Ich nehme deren "Lehren" als Scharlatanerie und teilweise sogar als gefährlichen Unsinn wahr.

Meine Erfahrung ist, das es einfach nicht so einfach ist, wie diese Menschen behaupten.

Und zugleich viel einfacher. Wie z. B. Byron Katie, Marshall B. Rosenberg u. a. erfahren haben.

Die Freiheit, die ich meine ist die von Dietrich Bonhoeffer beschriebene:

"Stationen auf dem Wege zur Freiheit

Zucht.
Ziehst Du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem
Zucht der Sinne und deiner Seele, daß die Begierden
und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.
Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen,
und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.
Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

Tat.
Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.

Leiden.
Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände
sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende
deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte
still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,
dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod.
Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
daß wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst."

Kurz und knapp drückt Bonhoeffer sein sehr persönliches Glaubensbekenntnis so aus:

„Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, daß Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und daß es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, daß Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern daß er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Darin finde ich mein Welt- und Menschenbild sowie meine Lebenserfahrung viel klarer, als bei Robert Betz wieder, liebe Odille.

Ich freue mich auf den Kaffee bei dir und darauf, Aug' in Auge im persönlichen Gespräch zu vertiefen, was am Telefon bzw. in Schriftform hölzern und unbeholfen, haarspalterisch, kleinkariert und rechthaberisch wirken kann.

Sei herzlich umarmt von

Schlumpfine

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