Angst vor dem was wir getan haben (Angehörige)

sigrun, Mittwoch, 21.05.2008, 07:44 (vor 6444 Tagen)

Hallo,
ich bin heute zum ersten Mal hier. Mein Vater hat im Lauf seines Lebens das ganze Haus bis auf Badezimmer und Wohnzimmer vollgestellt. Ich habe noch eine Schwester. Unsere Eltern waren immer für uns da, wenn wir Hilfe brauchten und ich hatte auch den Eindruck, daß es ihnen an Zeit fehlte all diese Dinge zu entsorgen - obwohl es schon immer etwas merkwürdig war, daß mein Vater alles spülte (Verpackungen etc) und dann fein säuberlich stapelte um es aufzuheben.

Ende März waren meine Eltern für eine Woche im Urlaub um Freunde zu besuchen. (ca. 600 km entfernt) Dort hatte meine Mutter einen Schlaganfall. Sie kam ins Krankenhaus und konnte auch danach noch nicht nach Hause transportiert werden, sodaß sie dort auch die Anschlußheilbehandlung machte. Mein Vater ist die ganze Zeit bei ihr.

Nun hatten meine Schwester und ich den Auftrag das Schlafzimmer der Eltern freizuräumen. (Es war durch 2 Wohnungsauflösungen so vollgestellt, daß meine Eltern im Schlafzimmer im ersten Stock schliefen)
Wir haben das Schlafzimmer freigeräumt - vieles weggeschmissen. An den Wänden waren Stockflecken. Da haben wir uns entschlossen das alte Schlafzimmer total zu entsorgen, zu renovieren und ein neues Schlafzimmer zu kaufen.
Außerdem ist in der Wohnung nur ein kleines Bad, mit einer ganz schalen Türe. Neben dem Bad befindet sich ein Abstellraum - den haben wir auch freigeräumt um das Bad behindertengerecht vergrößern zu können.
In unserem Eifer haben wir dann noch den Keller geleert und in der oberen Wohnung zwei Zimmer leergeräumt, die mit Sperrmüll vollstanden.

Jetzt wo alles so weit erledigt ist und meine Eltern bald nach Hause kommen, ist uns klar geworden, daß diese Sammelleidenschaft von unserem Vater nicht normal ist, bzw. daß das eine Art Krankheit sein muß. Nun hab ich erstmals im Internet darüber nachgelesen und was ich dort fand hat mich sehr erschreckt. Da ich nun verstehe, was wir mit dem Entsorgen unserem Vater angetan haben!

Ich habe Angst was passiert wenn er nach Hause kommt. Gestern wollte ich ihn darauf vorbereiten, daß ein neues Schlafzimmer da ist....ich habe gesagt wir hätten uns überlegt Ihnen ein neues Schlafzimmer zukommen zu lassen! Daraufhin sagte er nur Oh Gott, oh Gott..und machte sein Handy ganz aus!

Re: Angst vor dem was wir getan haben

Katta, Donnerstag, 22.05.2008, 11:20 (vor 6443 Tagen) @ sigrun

Hallo Sigrun,

ich kann mir gut vorstellen, daß dein Vater ziemlich erschrocken sein wird, wenn er die Veränderung sieht.
Aber, den Auftrag das Zimmer freizumachen hattet ihr schon von euren Eltern bekommen, wenn ich das richtig verstanden habe!?
Offensichtlich hat er ja nicht völlig jede Hilfe von "außen" ausgeschlossen.

Vielleicht ist es auch eine Chance ins Gespräch zu kommen.
Wenn du es ihm so erklärst, wie du es hier erzählt hast, wird er vielleicht auch nachvollziehen können,
wie es dazu kam, daß ihr "mehr" gemacht habt als gewünscht.
Er sollte in jedem Fall wissen, daß es dir leid tut und daß du versuchst ihn zu verstehen.

Ich sehe manchmal mit Schaudern diese Fernsehsendungen, in denen jemand mit einer neu renovierten
oder neu eingerichteten Wohnung "überrascht" wird.
Ich glaube, es gibt nur wenige Menschen, egal ob Messies oder nicht, denen es nichts ausmacht,
wenn jemand in ihrer Abwesenheit und ohne konkreten Auftrag etwas in ihrer Wohnung verändert.

Mir würde das auch nicht gefallen, auch wenn ich kein Messie mit "Sammelzwang" bin.
Ich habe auch zeitweise eine Haushalthilfe, das ist für mich völlig ok., auch z.B. "Kühlschrankdurchsicht".
aber Dinge wir Haushaltsgegenstände oder Möbel entsorgen ohne mein Zutun wäre absolut ausgeschlossen.

Ich denke, dir selbst würde das auch nicht passen, wenn jemand über deinen Kopf hinweg deine Lieblingsklamotten aussortiert,
(weil sie ja schon sooo "alt" sind) und dir dafür neue besorgt.
Ich finde das Beispiel Kleidung sehr passend, denn fast jeder hat so ein paar uralte Lieblingsstücke,
die für jeden anderen eindeutig Müll wären, für den Besitzer aber nun mal nicht.
Oder die Lieblingstasse, die keinen Henkel mehr hat, das abgeliebte Kuscheltier usw.
Für den einen alter Krimskrams, für den anderen aber wichtig.
Aber wer kann das schon besser entscheiden als der Besitzer selbst.

Für deinen Vater hat sich wahrscheinlich überdurchschnittlich viel "wichtig" angefühlt und dieses Gefühl
mag dir sehr seltsam oder auch krank erscheinen - es ist aber da und sollte nicht einfach übergangen werden.
Er muß sich selbst damit auseinandersetzen und das kann niemand für ihn erledigen.
Auch ob und wann diese Auseinandersetzung erfolgt, kannst du wahrscheinlich kaum beeinflussen.

Versuche ihm zu sagen, daß du immer für ihn bzw. sie da bist.

Ich wünsche dir und der ganzen Familie alles Gute und daß ihr im Gespräch bleibt,
das ist für den Moment sicher am wichtigsten.

Gruß Katta

Re: Angst vor dem was wir getan haben

Sigrun, Montag, 26.05.2008, 00:24 (vor 6439 Tagen) @ Katta

Hallo Sigrun,
ich kann mir gut vorstellen, daß dein Vater ziemlich erschrocken sein wird, wenn er die Veränderung sieht.
Aber, den Auftrag das Zimmer freizumachen hattet ihr schon von euren Eltern bekommen, wenn ich das richtig verstanden habe!?
Offensichtlich hat er ja nicht völlig jede Hilfe von "außen" ausgeschlossen.
Vielleicht ist es auch eine Chance ins Gespräch zu kommen.
Wenn du es ihm so erklärst, wie du es hier erzählt hast, wird er vielleicht auch nachvollziehen können,
wie es dazu kam, daß ihr "mehr" gemacht habt als gewünscht.
Er sollte in jedem Fall wissen, daß es dir leid tut und daß du versuchst ihn zu verstehen.
Ich sehe manchmal mit Schaudern diese Fernsehsendungen, in denen jemand mit einer neu renovierten
oder neu eingerichteten Wohnung "überrascht" wird.
Ich glaube, es gibt nur wenige Menschen, egal ob Messies oder nicht, denen es nichts ausmacht,
wenn jemand in ihrer Abwesenheit und ohne konkreten Auftrag etwas in ihrer Wohnung verändert.
Mir würde das auch nicht gefallen, auch wenn ich kein Messie mit "Sammelzwang" bin.
Ich habe auch zeitweise eine Haushalthilfe, das ist für mich völlig ok., auch z.B. "Kühlschrankdurchsicht".
aber Dinge wir Haushaltsgegenstände oder Möbel entsorgen ohne mein Zutun wäre absolut ausgeschlossen.
Ich denke, dir selbst würde das auch nicht passen, wenn jemand über deinen Kopf hinweg deine Lieblingsklamotten aussortiert,
(weil sie ja schon sooo "alt" sind) und dir dafür neue besorgt.
Ich finde das Beispiel Kleidung sehr passend, denn fast jeder hat so ein paar uralte Lieblingsstücke,
die für jeden anderen eindeutig Müll wären, für den Besitzer aber nun mal nicht.
Oder die Lieblingstasse, die keinen Henkel mehr hat, das abgeliebte Kuscheltier usw.
Für den einen alter Krimskrams, für den anderen aber wichtig.
Aber wer kann das schon besser entscheiden als der Besitzer selbst.
Für deinen Vater hat sich wahrscheinlich überdurchschnittlich viel "wichtig" angefühlt und dieses Gefühl
mag dir sehr seltsam oder auch krank erscheinen - es ist aber da und sollte nicht einfach übergangen werden.
Er muß sich selbst damit auseinandersetzen und das kann niemand für ihn erledigen.
Auch ob und wann diese Auseinandersetzung erfolgt, kannst du wahrscheinlich kaum beeinflussen.
Versuche ihm zu sagen, daß du immer für ihn bzw. sie da bist.
Ich wünsche dir und der ganzen Familie alles Gute und daß ihr im Gespräch bleibt,
das ist für den Moment sicher am wichtigsten.
Gruß Katta


Hallo Katta,

vielen Dank für Deinen netten "Brief". Heute abend sind meine Eltern wieder nach Hause gekommen! Mein Vater hatte Angst davor, das hab ich ihm angemerkt. Zuerst haben wir auf der neu renovierten Terasse Kaffee getrunken und haben über die vergangene Zeit gesprochen. Dabei sagten wir unserem Vater auch, daß wir in unserem Eifer etwas zu tun einfach viel zu viel gemacht haben und daß uns das leid tut. Wir wollten ihnen etwas Gutes tun und wir hoffen, daß er uns verzeihen kann.
So langsam traute mein Vater sich schließlich die Veränderung anzuschauen und sagte auch, daß er versteht, daß wir sehr viel Arbeit hatten und daß wir es gut gemeint haben - er müsse sich erst mit der neuen Situation abfinden- das ginge nicht so schnell.
Ich hoffe sehr, daß es ihm morgen früh gutgeht, wenn ich ihn wieder besuche und ihm meine Hilfe anbiete (egal bei was).

LG Sigrun

Re: Angst vor dem was wir getan haben

Jenny, Dienstag, 27.05.2008, 10:00 (vor 6438 Tagen) @ sigrun

Hallo Sigrun,

ich denke, eure Aufräumaktion war teilweise sehr gut, denn wenn Schimmel an den Wänden ist, ist es meiner Meinung nach Zeit, einzuschreiten. Auch eure Mutter braucht jetzt Unterstützung. Oder ist sie auch Messie? Wenn nicht, hat sie sicher sehr gelitten unter der Wohnsituation. Auch die Vorbereitung der Badvergrößerung ist ja wohl eine Notwendigkeit gewesen. Ich finde es gut, dass euer Vater das so ruhig aufgenommen hat. Anscheinend hat er noch etwas Einsicht in seine Problematik, was nicht selbstverständlich ist.
Ich wünsche euch weiterhin viel Glück, dass ihr eure Eltern wieder in "normale" Verhältnisse bringt.

Grüße, Jenny

Re: Angst vor dem was wir getan haben

Christoph, Dienstag, 17.06.2008, 17:14 (vor 6417 Tagen) @ sigrun

Sehr geehrte Angehörige!
Wir sind eine TV-Produktionsfirma aus Köln und suchen Mitwirkende für ein neues, seriöses Aufräum-Format. Ein Team bestehend aus einem ausgebildeten Coach und einer psychologischen Beraterin sollen helfen, das Leben zwischen Stapeln und Kisten ein für allemal zu beenden. Nicht durch überfallartiges Ausmisten sondern gemeinsames Erarbeiten einer Strategie. Interesse? Dann melden Sie sich unter aufraeumen@netcologne.de

Hallo,
ich bin heute zum ersten Mal hier. Mein Vater hat im Lauf seines Lebens das ganze Haus bis auf Badezimmer und Wohnzimmer vollgestellt. Ich habe noch eine Schwester. Unsere Eltern waren immer für uns da, wenn wir Hilfe brauchten und ich hatte auch den Eindruck, daß es ihnen an Zeit fehlte all diese Dinge zu entsorgen - obwohl es schon immer etwas merkwürdig war, daß mein Vater alles spülte (Verpackungen etc) und dann fein säuberlich stapelte um es aufzuheben.
Ende März waren meine Eltern für eine Woche im Urlaub um Freunde zu besuchen. (ca. 600 km entfernt) Dort hatte meine Mutter einen Schlaganfall. Sie kam ins Krankenhaus und konnte auch danach noch nicht nach Hause transportiert werden, sodaß sie dort auch die Anschlußheilbehandlung machte. Mein Vater ist die ganze Zeit bei ihr.
Nun hatten meine Schwester und ich den Auftrag das Schlafzimmer der Eltern freizuräumen. (Es war durch 2 Wohnungsauflösungen so vollgestellt, daß meine Eltern im Schlafzimmer im ersten Stock schliefen)
Wir haben das Schlafzimmer freigeräumt - vieles weggeschmissen. An den Wänden waren Stockflecken. Da haben wir uns entschlossen das alte Schlafzimmer total zu entsorgen, zu renovieren und ein neues Schlafzimmer zu kaufen.
Außerdem ist in der Wohnung nur ein kleines Bad, mit einer ganz schalen Türe. Neben dem Bad befindet sich ein Abstellraum - den haben wir auch freigeräumt um das Bad behindertengerecht vergrößern zu können.
In unserem Eifer haben wir dann noch den Keller geleert und in der oberen Wohnung zwei Zimmer leergeräumt, die mit Sperrmüll vollstanden.
Jetzt wo alles so weit erledigt ist und meine Eltern bald nach Hause kommen, ist uns klar geworden, daß diese Sammelleidenschaft von unserem Vater nicht normal ist, bzw. daß das eine Art Krankheit sein muß. Nun hab ich erstmals im Internet darüber nachgelesen und was ich dort fand hat mich sehr erschreckt. Da ich nun verstehe, was wir mit dem Entsorgen unserem Vater angetan haben!
Ich habe Angst was passiert wenn er nach Hause kommt. Gestern wollte ich ihn darauf vorbereiten, daß ein neues Schlafzimmer da ist....ich habe gesagt wir hätten uns überlegt Ihnen ein neues Schlafzimmer zukommen zu lassen! Daraufhin sagte er nur Oh Gott, oh Gott..und machte sein Handy ganz aus!

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