Im Genughaben üben (Allgemein)
Im Genughaben üben
Es ist gar keine leichte Übung, „genug“ zu haben, statt immer mehr zu wollen
Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, sich zu überlegen, ob man nicht genug für sich hat. Das Streben nach Überfluss ist leider gesellschaftsfähiger.
In den industriellen Ländern nehmen psychische Erkrankungen zu. In der EU spricht man bereits von einer Epidemie. In unserer Welt des „Immer mehr“ kommen viele nicht mehr mit. Es ist ein Teufelskreis: Immer mehr arbeiten, um mehr zu verdienen und in der Freizeit teure Hobbys auszuüben, für die man wieder mehr verdienen muss. Manches ließe sich mit weniger Geld auch machen, aber wie kommt das bei Freunden an -– Radausflug ohne modernstem Fahrrad und perfektem Outfit? Zur Erholung ist es dann nötig, in einem Wellness-Hotel Energie zu tanken.
Medienfasten. Viel von unserer Zeit lassen wir uns einfach stehlen. Ein großer Zeitdieb sind Medien. Die meisten merken gar nicht, wie viel Zeit sie täglich vor dem Fernsehgerät verbringen. Wer einmal „Fernsehfasten“ ausprobiert, wird in den ersten Tagen überrascht sein, wie viele lang aufgeschobene Dinge man plötzlich erledigen kann. Wer nicht ganz so streng mit sich sein will, kann für sich festlegen, wie viel Zeit am Tag für Medienkonsum reserviert sein soll. Dann kann man das Surfen im Internet gleich mitbedenken.
Genug essen. Fastenspeisen können auch als Einladung gedeutet werden: Sie können uns lehren, wieder zu genießen. Wer nie genug Zeit hat, hat auch beim Essen Hektik. Wie oft überlegen wir beim Essen, wie das eigentlich schmeckt, was wir zu uns nehmen? Wer in aller Eile eine Zwischenmahlzeit verschlingt, dem ist es egal, ob diese gut oder nach gar nichts schmeckt. Auch für das Gefühl, satt zu werden oder zu sein, braucht man Zeit. Das bekommt man nicht neben dem Fernseher oder der Zeitung. Wer bewusster isst, isst außerdem weniger. Fixe Essenszeiten halten davon ab, den ganzen Tag über zu essen. So sind zum Beispiel Kinder in Familien mit festen Essenszeiten weniger oft von Übergewicht betroffen. Dass es für die Kommunikation in der Familie gut tut, um den Tisch versammelt zu sein, ist ein guter Nebeneffekt.
Entrümpeln. Nicht „Ich habe zu wenig“ ist das Problem unserer Gesellschaft, sondern „Wie werde ich mein Zuviel wieder los?“ Bücher, die erklären, wie man sich einfach von Sachen trennt, sind Bestseller. Damit es nicht erst soweit kommt, sollte man schon beim Einkaufen überlegen, ob man das Ding der Wahl wirklich braucht. Vielleicht will einem ja nur eine kluge Werbestrategie einreden, dass man mit diesem Ding glücklicher sein könnte.
Innehalten. Es gibt genug Möglichkeiten, glücklich zu sein, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen: zum Beispiel kurz spazieren zu gehen, sich mit Freunden und Verwandten zu treffen oder mit den Nachbarn zu unterhalten. Glücklicher sind Menschen, die in einem ausgefüllten Tag innehalten und sich entspannen können. Auch wenn es nur drei Minuten sind, die sie im Gebet oder in Meditation verbringen.
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Genug
Eine Anregung für diesen Artikel war das Buch „Genug“ von John Naish. Er ist freier Redakteur der Londoner „Times“. Kurz vor dem Burnout änderte er mit seiner Frau sein Leben. Er besitzt kein Fernsehgerät und kein Handy und macht gern lange Spaziergänge.Das Buch bietet Anregungen, seinen Lebensstil zu überdenken.
Allerdings geht John Naish von einem sehr hohen Lebensstandard aus. Er meint, genug müsse jemand haben, der brutto 3.000 Euro im Monat verdient. Besser als angestellt zu arbeiten, sei es, selbstständig tätig zu sein, was für ihn möglich, in anderen Berufen aber nicht so einfach realisierbar ist. Dass er japanische Motorräder sammelt, spricht auch nicht gerade für einen bescheidenen Lebensstil.
- Genug. Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen, John Naish, Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co KG, ISBN 978-3-431-03762-3, Euro 18,–.
Wie werde ich mein Zuviel wieder los?, Foto: Wodicka
Judith Moser-Hofstadler
KIZ Ausgabe 2009/09
2009-02-25 15:58:29
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