Re: Beginn... schleichender Beginn und verschiedene Auslöser (lang) (Allgemein)

Sabine, Donnerstag, 03.07.2008, 01:11 (vor 6394 Tagen) @ Sakem

Hallo Sakem

Wann hat der Mess begonnen?

Wann genau kann ich nicht sagen. Als Kind war ich sogar sehr ordentlich. Das war aber auch noch recht einfach, weil man als Kind noch nicht so viele Sorten Sachen hat und auch relativ wenig Verpflichtungen. Als Kind hat man Anziehsachen, Spielsachen und Schulsachen und die einzige Verpflichtung ist der Besuch der Schule incl. Lernen und Hausaufgaben machen. Wenn da mal was schief geht, ist auch kein Drama; das schlimmste was passieren kann ist, dass ein Schuljahr wiederholt werden muss. Als Kind (so war es zumindest bis in die 80er und 90er Jahre) hat man scheinbar unendlich viel Zeit. Wenn man sich dem Schulabschluss nähert, taucht(e) oft zum ersten Mal ein Zeitproblem auf. (Heute haben Kinder ja oft genau so einen vollgestopften Terminkalender wie viele Erwachsene)

Als Erwachsener hat man plötzlich viel mehr Verpflichtungen und auch entsprechend mehr Sachen, die man im Laufe des Tages in die Hände bekommt. Man hat einen eigenen Haushalt mit entsprechend viel Gegenständen und Geräten, die nach dem Benutzen gepflegt und wieder weggeräumt werden müssen. Ein Haushalt bedeutet auch, dass man nie fertig wird, das was man morgens noch sauber gemacht hat ist oft schon abends wieder dreckig. Viele Stunden am Tag sind für Arbeit und Weiterbildung reserviert. Dies bedeutet außerdem zusätzlichen Papiertiger im Haus. Man muss den Formularkram mit Behörden und Versicherungen im Griff haben, das kostet Zeit und Platz. Weil es der Seele auch gut gehen soll, braucht der Mensch ein Hobby, wofür auch wieder Zeit und Platz einkalkuliert werden muss. Eine ganze Menge was wir da täglich schaffen müssen. Und für Messies mit Kindern kommt auch noch die Versorgung und Erziehung der Kinder hinzu. Schließlich sollen die Kids mal nicht so im Mess enden im wir. Bei den vielen Aufgaben wundert es mich nicht, dass da die Wohnung nicht mehr piccobello sein kann.

Es ist aber nicht nur die Zahl der gewachsenen Aufgaben, Gegenstände und Verpflichtungen. Wir haben als Erwachsene sehr viel Verantwortung. Wenn wir unsere Arbeit nicht gut machen, können wir die Stelle verlieren. Wenn man als Schüler zu spät zur Schule kam, gabs einen Eintrag ins Klassenbuch. Mehr auch nicht. Als Erwachsener zu spät zur Arbeit oder wichtigen Terminen kann schon richtig Ärger bringen, bis hin zum Stellenverlust oder bei Behörden zu Bußgeldern. Wenn wir Formulare falsch ausfüllen, können wir uns finanziell schaden oder sogar strafbar machen. Und bei Messies mit Kindern kommt auch noch die Verantwortung für das Wohl der Kinder hinzu. Und überall lauert die Perfektionsmusfalle. Allein die Angst vor einem schlimmen und folgenreichen Fehler kann lähmen oder durch übertriebene Gründlichkeit und Perfektionismus viel Zeit rauben, die dann zum Aufräumen fehlt.

Gab es einen Auslöser?
Verlusterfahrungen? Trennungen? Ablehnung? Kränkung?
Gab es Zeiten der Überlastung, in denen man einfach nicht mehr
hinterher kam? Eine Krankheit, Arbeitslosigkeit, Tod, Geburt>Kam es plötzlich oder war es eher schleichend?

Bei mir kam es eher schleichend. Während meines Studiums habe ich gemerkt, dass mein Wohnheimzimmer und später meine Wohnung oft dem typischen Klischee vom Studentenzimmer entsprachen. Mich hat es sehr gestört, denn es war ungemütlich. Schlimmer noch fand ich aber, dass ich so oft in meinen Papierstapeln nach wichtigen Unterlagen suchen mußte oder dass mein Schreibtisch so mit Papiertiger voll war, dass ich mir erst ein Eckchen freiräumen mußte, bevor ich daran arbeiten konnte.
Ich habe meist auch mehr Seminare besucht als meine Mitstudenten, viel auch zusätzlich gelesen wodurch sich nicht nur meine Papiertiger explosionsartig vermehrten. Oft hatte ich auch gerade nur die Zeit, die Bücher oder Kopien zu lesen. Zeit zum abheften und/oder wegräumen fehlte mir oft. Meine ehrenamtlichen Tätigkeiten haben mein Zeitproblem auch noch verschärft. Und wenn ich dann aufgeräumt hatte, waren da zusätzlich zusätzlich zum aktuellen Chaos die Altlasten. Und genau die sind besonders schlimm, weil man schon gar nicht mehr genau weiß, was man da gerade in der Hand hat und wo es hingehört.

Wann habt ihr gemerkt und wann habt ihr euch selbst eingestanden,
dass ihr ein Messie seid?
Wann kam das Outing?
Und wann der Wendepunkt zurück ins Leben? Zurück zur Freiheit und Genesung?


Es ist schon ein paar Jahre her. Ich kann nicht genau sagen, wie und in welcher Reihenfolge sich genau die Erkenntnis und die Wendung zum Besseren abspielten. Mir viel die Unordnung in meinem Wohnheimzimmer unangenehm auf. Immer wieder habe ich mal mehr, mal weniger geräumt, wenn ich mal Zeit hatte. Ich hatte aber auch so viel Bücher, Kopien und Seminarmitschriften, dass das Wohnheimzimmer zu klein wurde. So zog ich in eine kleine Wohnung (ich mußte sowieso aus dem Wohnheim raus) und hatte viel mehr Platz. Dummerweise fiel der Umzug mit dem Semesterbeginn zusammen (war nicht anders machbar, da kleine und preiswerte Wohnungen sehr schwer zu finden sind). So zog sich das Einräumen hin und während ich die letzten Sachen ausgepackt und eingeäumt habe, gab es schon das Erste aufzuräumen. Auch hier war vieles ein Zeitproblem. Aber oft auch hatte es mit Verschieberli zu tun, denn es gibt nichts schlimmeres als Papiertigeraltlasten.

Irgendwann habe ich mal einen Bericht in der Zeitung gelesen über Messies. Das war noch bevor ich richtig ein Messie war. An diesen Artikel habe ich mich erinnert und ich erkannte, dass ich auch ein Messie bin. Dann gab es erneut einen Artikel in der Zeitung. Schließlich suchte ich auch im Internet und stieß auf dieses Forum. Parallel dazu las ich verschiedene Bücher über Messies. Zuerst die von Sandra Felton. Darin standen nützliche Anregungen und Denkanstöße.

Auch dieses Forum hat mir wichtige Anregungen und Denkanstöße gegeben. Es tut gut zu sehen, dass ich nicht die einzige bin mit dem Problem. Als ich auf dieses Forum stieß, liefen gerade verschiedene Aktionen, wie 'Fly Lady', 'Frühjahrsputz', 'Weg damit' und 'Celestines Heiliges Land'. Bei diesen Aktionen gab es nicht nur wertvolle Tipps, sondern auch Anstöße über unproduktive Angewohnheiten nachzudenken. Und es tat gut zu wissen, wenn ich z.B. mit 'Fly Lady' oder 'Frühjahrsputz' den Spülenunterschrank aufgeräumt habe, dass dann zur gleichen Zeit die anderen Messies im Forum das Gleiche gemacht haben. Ich war beim Aufräumen nicht allein. Und ich mußte auch nicht nachdenken, womit ich anfange. Als dann 'Fly Lady' und 'Frühjahrsputz' eingestellt wurden, habe ich es anfangs vermißt. Dann habe ich aber gemerkt, dass ich es auch so schaffe, weil ich gelernt habe, dass es reicht, einfach irgendwo anzufangen.

Sehr wichtig ist auch BB, das ist echt einer der wichtigsten Tipps, die ich im Forum bekommen habe. Damit wird die Entstehung von neuen Altlasten verhindert. Durch das Forum habe ich auch gelernt, dass es nützlich ist, todo-Listen zu machen. Dann kann ich viel strukturierter den Tag planen und alles erledigen was zu tun ist. Mal sind die Listen mehr, mal weniger detailliert, wie ich es gerade brauche. So sehe ich auch immmer, was wichtig ist und was ich notfalls auch morgen erledigen kann.


Inzwischen habe ich meine Wohnung meist so, dass Küche und Wohnzimmer mit wenigen Handgriffen besuchstauglich sind. Das Badezimmer war zum Glück nie ein Problem. Im meinem Arbeitszimmer ist der Ordnungszustand sehr schwankend. Mal sieht es dort recht ordentlich aus, mal wachsen die Papierstapel bedenklich zur Zimmermitte. Beim Arbeitszimmer habe ich nicht so strenge Ordnungsmaßstäbe. Denn ein Arbeitszimmer heißt Arbeitszimmer, weil dort gearbeitet wird. Und Arbeiten läßt sich nur selten völlig spurlos erledigen. Rumliegende Bücherstapel und Kopien sind in einem Arbeitszimmer völlig normal. Erst wenn es überhand nimmt, dass ich nicht mehr genug Platz auf dem Schreibtisch habe oder der Zugang zu den Regalen verstellt ist, wird es Zeit aufzuräumen. Mir ist mal bei einer Fernsehsendung aufgefallen, wie ein bekannter Professor interviewt wurde; im Hintergrund sah man sein Arbeitszimmer und seinen von Papierstapeln übersähten Schreibtisch. Völlig normal. Das war echt ein Eyeopener. Ein Schreibtisch von Menschen die viel Papier bewegen kann eben nicht so aussehen, wie bei Cleanie-Tante Berta, die vielleicht einmal im Jahr an ihrem Schreibtisch die Steuererklärung macht und die Weihnachtskarten schreibt.

Dank dieses Forums kann ich auch gelassener mit meinem Mess umgehen. Einmal habe ich sogar einen Heizungsmonteur in die Wohnung gelassen obwohl auf dem Küchentisch ein Riesenberg Chaos lag und auch das Wohnzimmer gerade rümpelig aussah. Ich hatte den Termin mit dem Heizungsmonteur vergessen. Und weil so viel aktuelle Aufgaben anstanden, hatte ich das BB vernachlässigt. Und genau dann schellte es. Panik, Schreck lass nach. Am liebsten hätte ich die Tür gar nicht aufgemacht. Dann dachte ich an die Anfahrtskosten, die ich bezahlen muss, wenn der Heinzungsmonteur unverrichteter Dinge wieder wegfährt. Und so nahm ich allen meinen Mut zusammen, öffnete die Tür, begrüßte den guten Mann freundlich und führte ihm zum Heizkessel. Der Mann sagte kein Wort zu dem Chaos, sondern machte ganz normal seine Arbeit, nämlich den Heizkessel warten. Als er wieder gegangen ist, war ich froh die Situation überstanden zu haben. Es war auch sehr lehrreich für mich, denn ich habe gelernt, dass es halb so schlimm ist, Handwerker in eine unaufgeräumte Wohnung zu lassen. Es ist doch nur dieses Scham- und Schuldgefühl "was sollen die Leute denken", das einem die Eltern gutgemeint anerzogen haben. So habe ich nebenbei entdeckt, dass es eine gute Übung zum Muthaben war, den Heizungsmonteur in die unaufgeräumte Wohnung zu lassen.

Wichtige Buchtipps die ich hier aus dem Forum habe:
Karen Kingston: Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags
Rita Pohle: Weg damit
Thomas Ritter: Endlich aufgeräumt

Dank dem Forum habe ich gelernt, das ich nicht für andere aufräume, sondern dafür dass es mir gut geht. Damit ich mich in meiner Wohnung wohlfühle. Damit ich mich in meinen Papieren zurechtfinde ohne stundenlang zu suchen.

Ich wünsche Euch viel Erfolg bei Euren Aufräum- und Putzakionen.

Grüße, [image]
Sabine


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