@Astarte... Re:re: Nur Mut. Du schaffst es. Teil 2 (lang) (Allgemein)

Sabine, Donnerstag, 28.08.2008, 03:32 (vor 6339 Tagen)

Hallo Astarte,

der Thread ist weiter nach unten gerutscht, deshalb mache ich mal hier weiter. Meine Antwort wird mal wieder sehr lang.

Was gäbe ich darum, genau DAS mal von einem meiner Freunde zu hören. Oder noch besser (aber kein zwingendes Muss) von meinem Ex! Genau das! Das würde mir so viel bedeuten. Dann könnte ich es vermutlich auch annehmen, ganz frei von Aber's. Ich träume sogar schon davon.

Vielleicht haben Deine Freunde nicht die richtigen Worte gefunden. Deine Freunde können Dir auch nur das an Hilfe geben, wozu sie selbst in der Lage sind. Du hast geschrieben, wie lieb Deine Freunde Dir zuhören und Dir Mut machen. Das ist doch schon eine ganze Menge positive Unterstützung. Oder denk an die Freundin, die Dir beim Umzug geholfen hat. Jeder von Deinen Freunden kann Dir auf eine bestimmte Art helfen. Und jeder Deiner Freunde stößt, je nach dem wo die persönlichen Schwächen liegen, an seine Grenzen.

Was meine Mutter angeht: Es ist nicht so dass sie mich "bevormundet" und für "unfähig" hält. Sie ist - so hart das auch klingt - einfach eine boshafte, kranke Frau, nur beim Enkel lässt sie die liebe Oma raus, aber auch mit ihren entsprechenden Macken. Boshaft im Sinne von: Sie gibt ihren Kinder die Schuld, dass sie seit 40 Jahren sich nie um ihre Probleme gekümmert hat, und das lässt sie jeden in der Familie spüren. Nicht nur mich.

Das kann ich gut verstehen, dass Du darunter leidest. Wahrscheinlich schleppst Du da eine Menge alter Wunden mit Dir rum. Es ist gut, dass Du eine Therapie machen möchtest. Da kannst Du auch an diesen Wunden arbeiten. Und es ist gut, dass Du Dich jetzt darum kümmerst. Jetzt bist Du noch jung und hast noch den größten Teil des Lebens vor Dir.

Nun zu Deiner Mutter. Kann es sein, dass das Gift, das sie seit Jahren versprüht, früher (als Kind/ Jugendliche?) selbst in Überdosis schlucken musste? Jeder Mensch reagiert auf eine solche Seelenvergiftung anders. Wer günstige Umstände hat, eine verständnisvolle Umgebung, helfende Freunde oder Verwandte, erholt sich wieder. Und unter ungünstigen Umständen eben auch nicht. Für die Generation Deiner Eltern ist der Gang zum Therapeuten noch ein absolutes Tabu. Das wird direkt konnotiert mit 'verrückt'. Selbst unsere Generation heutzutage würde auch nicht damit hausieren gehen. Eine Therapie ist immer noch tabubelastet. Wodurch viele diese wichtige heilsame Hilfe nicht aufsuchen können.

Zurück zu Deiner Mutter. Wann und wo wurde sie geboren? Kann es sein, dass sie den Krieg als Kind erlebt hat? Viele Kinder sind damals durch Bombennächte und Vertreibung traumatisiert worden. Die Erwachsenen waren oft selbst überfordert und konnten ihren Kindern keinen Trost bieten. Außerdem war keinen Schmerz zu fühlen und keine Bedürfnisse zu haben überlebenswichtig. Nach dem Krieg wurde das erlittene Trauma nach innen eingekapselt, denn es war Überleben und Wiederaufbau angesagt. Außerdem stellen die von Deutschland begangenen Kriegsverbrechen alles in den Schatten, so dass ein erlittenes Kriegstrauma dagegen unwichtig erscheint. Als Erwachsene sind die Kriegskinder entweder oft übertrieben streng zu den eigenen Kindern oder übertrieben nachsichtig. Außerdem fallen oft auch Dinge auf, wie übertriebene Sparsamkeit, ein sehr großes Sicherheitsbedürfnis, nicht über Gefühle sprechen können, die eigenen Gefühle nicht mehr wahrnehmen. Da bleibt es nicht aus, dass das Verhältnis zu den eigenen Kindern erheblich gestört sein kann. Es ist oft geprägt von gegenseitigen Mißverständissen. Dies ist für beide Seiten tieftraurig. Für die Kinder, die mit geschädigten Eltern aufwachen und für die Eltern selbst, die keinen guten Draht zu ihren Kindern bekommen, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschen.

Das Verhalten Deiner Mutter will ich in keinster Weise gut reden. Dennoch ist es wichtig zu gucken, was da passiert ist. Es geht Dir doch eigentlich darum, dass Du gerne ein gutes bzw. besseres Verhältnis zu Deiner Mutter hättest. Jetzt hergehen, und den Bruch vollziehen ist einfach. Aber nur scheinbar. Denn im Grunde würdest Du Dich weiterhin danach sehnen, ein besseres Verhältnis zu Deiner Mutter zu haben. Vielleicht kannst Du durch vorsichtiges Fragen (wenn Deine Tochter NICHT dabei ist), herausbekommen, wo bei Deiner Mutter der Schmerz sitzt. Dann höre einfach zu. Für Vorwürfe ist an der Stelle kein Platz.
Frage Deine Mutter auch (falls sie zur Generation der Kriegskinder gehört), wie sie den Krieg erlebt hat. Und wie ihr späteres Leben dadurch beeinflusst wurde.
Frage sie, welche Wünsche sie wegen der Familie hintenan gestellt hat. Und was sie daran hindert, sich diese wo noch möglich, jetzt zu erfüllen. (Das Hintenanstellen von eigenen Bedürfnissen ist typisch für die Generation der Kriegskinder)

Hier würde sie keiner mögen, denn aus ihrer Sicht gehört jeder eingesperrt und erschossen, der keine 50.000 Euro Küche hat, in der man nicht vom Boden essen kann. Ihre Küche ist nur Deko, gekocht wird im ehemaligen Gästezimmer, der Ersatzküche.

Das klingt so furchtbar traurig. Ein Mensch, der von niemand gemocht wird. [image] Wirklich von niemand? Vielleicht taut Deine Mutter ja mithilfe Deiner Tochter endlich auf, und kann als Oma die Rolle spielen, die sie als Mutter nicht erfüllen konnte. Bei Deinen Worten "läßt sie die liebe Oma raus" könnte man auch so was wie Eifersucht rauslesen. Schau mal in Dir rein, welche Gefühle da sind. Zu viel unsortierte Wut und Trauer können Dir die Chance für ein besseres Verhältnis in der Zukunft nehmen.

Vielleicht kannst Du durch ruhige Gespräche mit Deiner Mutter einiges klären. Das erfordert viel Kraft, doch Du kannst viel gewinnen: ein besseres Verhältnis zu Deiner Mutter. Das Leben ist zu kurz, um es nicht wenigstens zu versuchen. Es wird Dich gerade am Anfang viel Überwindung kosten, und es kann sein, dass Deine Mutter anfangs abblockt. Mach trotzdem weiter. In kleinen Schritten. Es lohnt sich. Du schaffst das.

Sie nahm mich nur sehr widerwillig auf. Nur wegem dem Kind. Die Begrüßungsworte: "Ist mir scheißegal was aus Dir wird, hauptsache die Kleine ist bei mir!" Die Gratulation zum Abi sah so war: "Und? Du wirst eh ein Versager bleiben, genau wie dein Vater und deine Schwester!".

Das tut weh. Das hätte sie nicht sagen dürfen. So etwas sagt man einfach nicht zu seinem Kind.
So ganz gleichgültig scheinst Du ihr aber doch nicht zu sein. Sonst würde sie Dir wahrscheinlich nicht in Deinem Haushalt helfen.
Kann es sein, dass das mit dem Versagerspruch vielleicht auch mit dem übertriebenen Ansprüchen an sich selbst und anderen zusammenhängt? Oder/ und mit der Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen?

Die reichlich unterkühlte Reaktion auf Dein Abi hat vielleicht noch andere Hintergründe. Welchen Schulabschluss haben Deine Eltern? Zu der Zeit, wo Deine Eltern zur Schule gingen, kostete Gymnasium noch Schulgeld. So landeten viele begabte Schüler auf der Volksschule. Ein Volkschulabschluß wurde nicht so rauschend gefeiert wie heutzutage das Abi. Nur zum Vergleich: als ich Abi machte, war ich ganz erstaunt, wie Mitschüler von ihren Eltern in feinste Restaurants ausgeführt wurden, oder riesige private Familienfeiern ausgerichtet wurden. Meine Eltern haben sich natürlich riesig gefreut, als ich Abi gemacht habe und mir gratuliert. Mehr ist aber auch nicht passiert, und für mich ist das ok.

Deine Schilderung von der nicht benutzten Deko-Küche klingt ebenfalls so traurig. Da hat Deine Mutter sich eine schöne Küche gegönnt und benutzt sie nicht. Ich dachte immer, dass es typisch für Messies ist, neue Sachen nicht benutzen zu können. Und nun lese ich hier, dass dies auch bei Cleanies vorkommt.

Als ich es wagte zum Kindergeburtstag fremde Leute in MEINE (alte) Wohnung einzuladen, wurde sie so hysterisch, dass sie handgreiflich wurde (es folgte ein Hausverbot). Grund dafür gabs nicht. Außer dass sie Angst vor Fremden Menschen hat. Bis ich 18 war durfte ich nie Besuch empfangen, weil es ja sooo fürchtlich aussah (Anmerk: Man konnte vom Boden essen). Alleweil bekommt sie Panikattacken, die sich bei ihr aggressiv äußern, und vieles mehr.

Keine Leute einladen (dürfen) weil die Wohnung fürchterlich aussieht, das kennt man doch sonst nur von Messies. Und jetzt lese ich, dass dies auch bei extrem perfektionistischen Cleanies vorkommen kann.


Es kann sein, dass ich mit meinen Worten völlig daneben liege. Du kennst Deine Situation noch am besten. Ich schreibe einfach meine Gedanken, um Dir Möglichkeiten aufzuzeigen.

Hier sind noch ein paar Buchtipps, die vielleicht für Dich interessant sein können:

Elke Heidereich: Die schönsten Jahre. Vom Glück und Unglück in der Liebe
http://www.amazon.de/Die-schönsten-Jahre-Glück-Unglück/dp/3725413754/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1219885184&sr=1-1/

Sabine Bode: Die vergessene Generation: die Kriegskinder brechen ihr Schweigen.
http://www.amazon.de/Die-vergessene-Generation-Kriegskinder-Schweigen/dp/3492244033/ref=sr_1_3?ie=UTF8&s=books&qid=1219884892&sr=1-3/

Anne-Ev Ustorf: Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs
http://www.amazon.de/Wir-Kinder-Kriegskinder-Generation-Weltkriegs/dp/3451298147/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1219880983&sr=8-1/


Ich wünsche Dir alles Gute und dass es Dir gelingt, doch noch ein besseres Verhältnis zu Deiner Mutter zu bekommen.

Grüße, [image]
Sabine


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