Re: noch ein Rückschritt: Anpassung an fremde Normen (eher lang und nachdenklich) (Allgemein)

Andrea, Samstag, 02.08.2008, 22:58 (vor 6369 Tagen) @ Johanna2

Wie kommt es, dass ich meinen Standard
an anderen (auf beiden Seiten der Skala) ausrichte?

Das ist normal.

Im Mittelalter gab es andere Tischsitten. Heute würde man
mit diesen eher als Störung empfunden werden. Und umgekehrt.
Es ist ganz normal, daß man sich an seiner Umgebung orientiert.

Welches Maß an Ordnung brauche ich?

Es muß hygienisch sein, so daß Du dich nicht ekelst oder erkrankst.
Außerdem so ordentlich, daß Du Dinge in akzeptabler Zeit wiederfindest
und Platz zum Arbeiten oder für die Zwischenablage da ist.

Falls Du Besuch empfangen möchtest, kommt noch hinzu:
Die Wohnung muß Dich angemessen repräsentieren. Einerseits soll sie
nicht zu Intimes von Dir preisgeben, andererseits auch für Dich
werben. Dabei ist es noch ein Unterschied, ob ein „guter Kumpel“ oder
der Vorgesetzte zu Besuch kommt. Um die Wohnung dafür zu gestalten,
mußt Du natürlich wissen, was die anderen erwarten; also wie Wohnungen
heute normalerweise aussehen.

Wenn die Beachtung von Normen insgesamt eher lästig oder schädlich ist,
kannst Du prüfen, ob Du darauf verzichtest. Wobei es manchmal passend ist,
dies nicht demonstrativ nach außen zu tun. In anderen Fällen, kann es
auch einmal gerade erwünscht sein, dies demonstrativ zu tun.

Das gleiche empfindet ich bei Themen wie Mode- oder Musikgeschmack.
Ich stehle Geschmack von anderen, da mir meiner fehlt?

Das ist normal, nur daß sich nicht alle dessen bewußt sind.
Bei „Mode“ ist es ja auch bereits in der Wortbedeutung enthalten.

Bei Musik könntest Du auch ausschließlich Choräle aus dem 15. Jahrhundert
hören, aber wenn Du nun statt dessen die Musik bevorzugst, die Deine
Freunde hören, und das keine Choräle aus dem 15. Jahrhunder sind,
ist es einfacher, weil Du dann mit Deinen Freunden besser darüber
sprechen kannst und mehr mit ihnen verbunden bist. (Allerdings ist
es in einem bestimmten Alter wichtig, daß die Musik den Eltern nicht
gefällt.)

Es ist ja auch so, daß die Religion der meisten Menschen durch ihre
Umgebung festgelegt wird, manchmal auch mit mehr oder weniger Gewalt.

Die Normen Deiner Freunde oder Deines Arbeitgebers sind also keine
ganz fremden Normen. Fremde Normen wären beispielsweise die Sitten
der Mandan-Indianer.


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